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Neu erschienen · Band 1 · ab 10 Jahren · von Nilly

Stempel mit den Schriftzeichen 宵町 (Yoimachi)

Die Stadt, die jede Nacht verschwindet

Band 1: Der Berg über Tokio

Hinter dem alten Brunnen liegt Yoimachi, eine magische Stadt aus alten Dingen. Sie erwacht jede Nacht und verschwindet bei Sonnenaufgang aus allen Karten. Ein fesselndes Kinderbuch ab 10 Jahren voller Rätsel und japanischer Mythologie.

NeuCover von „Die Stadt, die jede Nacht verschwindet – Der Berg über Tokio“

Die Geschichte

In der Nacht nach Omas Tod hebt sich der Deckel des Brunnens

In der Nacht nach Omas Tod hebt sich im Hof der Deckel des alten Brunnens. Heraus steigen eine geflickte Papierlaterne, ein Teekessel auf drei krummen Beinen, zwei Holzsandalen, ein Besen und ein Strohmantel. Sie verbeugen sich vor Oma Sachi und verschwinden wieder.

Emi ist zwölf, kommt aus Hamburg und glaubt nur, was sie belegen kann. Doch hinter dem Brunnen liegt Yoimachi, eine geheimnisvolle verborgene Stadt aus alten Gegenständen, die jede Nacht erwacht und bei Sonnenaufgang aus allen Karten verschwindet. Nur Emi und Kai, der Junge von nebenan, erinnern sich am Morgen noch an sie.

Oma hat die Stadt beschützt, seit sie selbst zwölf war. Jetzt ist sie nicht mehr da. Und ein einziges Foto bringt Yoimachi in Gefahr.

Reihe
Die Stadt, die jede Nacht verschwindet · Band 1
Autorin
Nilly
Alter
Jugendbuch ab 10 Jahren
Ausgaben
Taschenbuch und gebundene Ausgabe
Schauplatz
Kumoyama, ein Bergdorf in Japan über Tokio, und die Schattenwelt Yoimachi
Illustration aus „Der Berg über Tokio“

Die Figuren

Wer Emi in Kumoyama begegnet

Die Menschen

  • Emi Lang

    Zwölf, aus Hamburg. Fliegt zur Beerdigung ihrer Oma nach Japan. Schreibt in ihr Heft, was stimmt, und daneben, was Leute nur behaupten. Glaubt nichts, was sie nicht prüfen kann.

  • Kai Mori

    Dreizehn. Wohnt seit seinem sechsten Lebensjahr bei den Großeltern neben Omas Haus. Hat damals Lichter im mystischen Wald gesehen. Seitdem glaubt ihm keiner.

  • Oma Sachi

    Laternenmacherin in Kumoyama. Ist gestorben, bevor sie Emi zeigen konnte, was sie ihr zeigen wollte. Hat ihr stattdessen eine Postkarte geschickt.

  • Papa (Martin Lang)

    Redakteur bei einer Hamburger Zeitung. Sein Grundsatz: Was du nicht belegen kannst, schreibst du nicht.

Aus Yoimachi (Tsukumogami)

  • Tomo

    Eine runde Papierlaterne, honigfarben und an unzähligen Stellen geflickt. Über zweihundert Jahre alt. Zwischen zwei Flicken hat sie ein Auge, und sie denkt gern schlecht über Leute.

  • Karan und Koron

    Zwei alte Holzsandalen, die eine mit rotem, die andere mit verblasstem Riemen. Sie gehören zusammen.

  • Kasa

    Ein alter Ölpapierschirm auf einem einzigen Bein, mit einem gelben Auge. Mag keine Menschen.

  • Der Teekessel

    Ist aus Eisen, hat drei krumme Beine und eine Delle. Er erzählt alles weiter, meistens falsch.

  • Asagiri

    Der Morgennebel. Was sie mitnimmt, verschwindet aus allen Karten.

Leseprobe

Der Berg über Tokio

Lies das erste Kapitel vollständig, bevor du bestellst.

Kapitel 1

Die Wache

Das Räucherstäbchen hatte noch elf Minuten.

Emi wusste das, weil sie die ersten drei gestoppt hatte. Ein Stäbchen brannte vierunddreißig Minuten, manchmal fünfunddreißig, wenn ein Luftzug durch den Spalt in der Schiebetür kam. Sie hatte die Zeiten mit Bleistift in ihr Heft geschrieben, links, unter Belegt, und daneben, wann sie das nächste anzünden musste.

Das Zimmer roch nach Rauch und nach den weißen Chrysanthemen, die überall standen, in Vasen, in Eimern, sogar in einem Kochtopf, weil die Vasen nicht gereicht hatten. Vor dem kleinen Tisch mit der Schale voll Asche lag Oma Sachi auf einem Futon unter einem weißen Tuch. Daneben saß Mama, an die Wand gelehnt, und schlief. Ihr Kopf war zur Seite gekippt. Sie hatte versprochen, die ganze Nacht wach zu bleiben, wie man es bei einer Totenwache macht, damit der Weihrauch nicht ausgeht. Um halb eins hatte sie gesagt: »Nur fünf Minuten die Augen zu.« Seitdem schlief sie.

Emi hatte sie nicht geweckt. Jemand musste das Stäbchen anzünden, und Emi war ohnehin wach. Ihr Körper glaubte, es sei sieben Uhr abends. In Hamburg war es sieben Uhr abends.

Papa schlief nebenan, auf dem Rücken, mit offenem Mund. Durch die Papierwand hörte sie ihn atmen.

Emi zog die Knie an und schlug das Heft auf. Zwischen den Seiten lag die Postkarte. Sie hatte sie vor zwei Wochen in Hamburg aus dem Briefkasten gezogen, zwischen einer Stromrechnung und einem Prospekt für Gartenmöbel, und seitdem war sie nicht mehr aus dem Heft herausgekommen.

Auf der Vorderseite war eine Zeichnung, mit schwarzer Tusche gemalt, ein bisschen zittrig. Ein altes Holzhaus mit schwerem, geschwungenem Dach. Ein Hof. Im Hof ein runder Brunnen, und auf seinem Rand, so klein, dass man es für einen Fleck halten konnte, ein einziger Tupfer Gelb. Eine Laterne.

Es war dieses Haus. Emi saß gerade darin.

Auf der Rückseite stand in Omas geraden Buchstaben:

Liebe Emi,
unter dem Dach ein kleiner Mond.
Wenn er aufgeht, komm nach Hause.
Deine Oma

Darunter drei Zeichen, die keine ganzen Zeichen waren, eher Bruchstücke, mit Abstand nebeneinander gemalt. Etwas wie ein Dach mit Schornstein. Drei kurze Striche, wie ein Tropfen, der auf dem Boden zerspritzt. Ein Rahmen mit zwei Querstrichen, wie eine Leiter in einem Fenster.

Emi hatte zwei Wochen lang Tabellen mit Schriftzeichen durchsucht. Sie hatte herausgefunden, dass das dritte Stück Mond hieß. Mit den anderen beiden war sie nicht weitergekommen. Und fünf Tage nachdem die Karte angekommen war, hatte um fünf Uhr morgens das Telefon geklingelt.

Sie hatte die Karte trotzdem mitgenommen. Dreizehn Stunden Flug, zwei Züge, ein kleiner weißer Lastwagen. Auf der rechten Seite ihres Hefts, unter Behauptet, stand: Unter dem Dach ein kleiner Mond (Oma). Bedeutung unbekannt.

Auf der linken Seite stand, was stimmte. So hatte sie es von Papa gelernt, der Redakteur bei einer Zeitung war und abends am Küchentisch mit einem roten Stift Sätze durchstrich. Was du nicht belegen kannst, schreibst du nicht. Links standen Dinge wie Ein Räucherstäbchen brennt 34 Minuten. Rechts standen Dinge wie Wenn man eine Wimper wegpustet, geht ein Wunsch in Erfüllung (Lina, 6b).

Die rechte Seite war fast immer länger.

Um acht nach zwei klopfte es.

Dreimal. Holz auf Stein, mit Pausen dazwischen. Es kam von draußen.

Emi hob den Kopf. Mama schlief weiter. Papas Atem nebenan ging gleichmäßig.

Es klopfte noch einmal. Dreimal.

Die Schiebetür zur Veranda stand eine Handbreit offen, wegen der Hitze. Davor war ein Fliegengitter, und dahinter lag der Hof, dunkel, mit Kies bestreut, der im Licht der kleinen Lampe über dem Tor grau schimmerte. Emi rutschte auf den Knien bis zum Spalt und sah hinaus.

Der Brunnen stand mitten im Hof. Er war rund, aus grauen Steinen, hüfthoch. Ein schwerer Holzdeckel lag darauf und auf dem Deckel ein großer Stein, und um den Rand war ein dickes Seil aus Stroh gebunden, an dem gefaltete weiße Papierzacken hingen. Am Nachmittag hatte Emi den Brunnen angesehen, weil er auf der Postkarte war. Am Nachmittag hatte er ausgesehen wie ein Brunnen.

Jetzt bewegte sich der Deckel.

Er hob sich an einer Seite, einen Fingerbreit, und fiel zurück. Tok. Er hob sich wieder. Tok. Der Stein obendrauf rutschte knirschend ein Stück zur Seite, und dann schob sich der Deckel so weit auf, dass eine schwarze Sichel frei wurde.

Aus der Sichel kam Licht.

Orange und weich. Es flackerte nicht wie eine Kerze, es leuchtete einfach, als hätte jemand hinter einer Scheibe aus Papier ein Stück Abendsonne aufbewahrt. Dann stieg es über den Brunnenrand, und Emi sah, was leuchtete.

Eine runde Papierlaterne, so groß wie ein Fußball, alt und honigfarben und an unzähligen Stellen geflickt. Sie hing an nichts. Sie schwebte.

Emi hielt den Atem an.

Hinter der Laterne kletterte etwas aus dem Brunnen, mit einem metallischen Kratzen. Ein Teekessel aus dunklem Eisen, rund und schwer, und er hatte Beine. Drei kurze, krumme Beine. Er ließ sich über den Rand fallen, landete scheppernd im Kies, schüttelte sich, als wäre er nass, und trippelte los.

Dann zwei Holzsandalen. Sie sprangen gleichzeitig aus der Öffnung, wie zwei Frösche, und kamen klappernd auf dem Kies auf, karan, koron, eine links, eine rechts. Dann ein Besen, der sich mit dem Stiel über den Rand hebelte. Dann ein Strohmantel, ein großes, zotteliges Ding, das aussah wie ein Heuhaufen mit Schultern.

Sie kamen auf das Haus zu.

Emi wich vom Spalt zurück, bis sie mit dem Rücken gegen den Wandschirm neben dem Tisch stieß, einen hohen, bemalten Schirm aus mehreren Teilen, mit Kiefern und Wolken darauf. Sie kroch dahinter. Durch den Spalt zwischen zwei Teilen konnte sie auf die Veranda sehen, auf die Tür und auf Oma.

Das Klappern kam die Stufen herauf.

Die Laterne erschien zuerst. Sie schwebte vor dem Fliegengitter, und das Gitter schob sich zur Seite, ohne dass jemand es berührte. Ihr Licht fiel ins Zimmer, über die Tatami, über die Blumen, über das weiße Tuch. Dann kamen die anderen. Der Teekessel. Die beiden Sandalen. Der Besen. Der Strohmantel, der sich bücken musste, um durch die Tür zu passen, und dabei raschelte wie ein Feld im Wind.

Sie stellten sich in einer Reihe am Rand der Tatami auf. Keiner betrat das Zimmer. Dann verbeugten sie sich vor Oma Sachi.

Alle gleichzeitig. Der Kessel neigte seinen ganzen runden Körper nach vorn, bis sein Deckel klapperte. Der Besen beugte den Stiel. Die Sandalen kippten auf ihre Spitzen. Der Strohmantel sank zusammen, bis er fast flach auf dem Boden lag.

Die Laterne verbeugte sich nicht. Sie schwebte über Omas Gesicht, ganz still, und ihr Licht wurde dunkler, wie ein Feuer, das man mit der Hand abschirmt.

Illustration aus Kapitel 1: Emi kniet im dunklen Zimmer, im Licht einer schwebenden Laterne

Emi konnte nicht denken. In ihrem Kopf lief nur eine Liste ab, ganz von allein, wie ein Lied, das man nicht abschalten kann. Traum: Ich bin wach, ich spüre die Matte unter den Knien. Müdigkeit: ja, aber ich sehe alle Einzelheiten. Streich: Wer? Wie? An welchen Fäden?

Sie sah keine Fäden.

Sie zwang sich, genau hinzusehen. Der Teekessel hatte an der Seite eine Delle, als wäre er einmal heruntergefallen. Die linke Sandale hatte einen roten Riemen, die rechte einen verblassten, fast rosafarbenen. Die rechte stand ein bisschen schief, als hätte sie ein kürzeres Bein.

Es war echt. Es war so echt wie die Asche in der Schale und das weiße Tuch.

Und niemand würde es ihr glauben.

Ihr Handy steckte in der Tasche ihrer Schlafanzughose. Sie spürte es am Bein, flach und hart. Sie dachte an Papa. Was du nicht belegen kannst. Sie dachte an Lina, die ihr kein Wort glauben würde, an Mama, die schlief, an Papa, der in ein paar Stunden aufwachen und sagen würde, sie habe geträumt.

Ein Foto. Ein einziges Foto, und es würde auf der linken Seite stehen. Für immer.

Sie zog das Handy heraus, ganz langsam, und hielt es mit dem Bildschirm nach unten an die Brust, damit das Licht sie nicht verriet. Ihre Finger fanden die Kamera, ohne hinzusehen. Sie hatte das oft genug gemacht.

Die Sandalen hatten sich wieder aufgerichtet. Die mit dem schiefen Riemen hüpfte einen kleinen Schritt nach vorn, bis an die Kante der Tatami, direkt vor den Wandschirm. Dort blieb sie stehen. Dann tippte sie mit der Spitze gegen das bemalte Papier, genau unter dem Spalt, hinter dem Emi kniete. Einmal. Wie man an eine Tür klopft, hinter der man jemanden vermutet.

Sie wusste, dass Emi da war.

Emi drehte das Handy um, hielt es an den Spalt und drückte.

Das Zimmer wurde weiß.

Sie hatte den Blitz vergessen. Er ging von allein an, wenn es dunkel war, das wusste sie, sie hatte nur nicht daran gedacht. Für einen Augenblick sah sie alles gleichzeitig, scharf und farblos wie auf einem Röntgenbild: den Kessel, den Besen, den Strohmantel, die Laterne über Omas Gesicht und die Sandale, die gerade zu einem zweiten Sprung angesetzt hatte und mitten in der Luft hing.

Dann war es wieder dunkel, und die Sandale fiel.

Sie fiel, wie ein Schuh fällt. Mit einem trockenen, hölzernen Klack auf die Tatami, kippte auf die Seite und lag still.

»Nicht!«

Die Laterne war herumgefahren. Ihr Licht flammte auf, grell, fast weiß, und Emi sah zum ersten Mal, dass sie ein Auge hatte. Mitten im Papier, dort, wo zwei Flicken nicht ganz aneinanderstießen, war ein schmaler Spalt, und dahinter war Licht, und das Licht sah sie an.

Emi verstand das Wort. Sie war sicher, dass es kein Deutsch war und kein Englisch. Sie verstand es trotzdem.

Dann ging alles sehr schnell. Der Teekessel zischte wie ein Kessel, der überkocht, und rannte. Der Besen fegte rückwärts aus der Tür. Der Strohmantel stolperte über die Schwelle und rollte die Stufen hinunter wie ein Heuballen. Nur die zweite Sandale, die mit dem roten Riemen, rannte nicht weg. Sie sprang zu der anderen und stieß sie an, einmal, zweimal, mit einem kleinen, verzweifelten Klappern, karan, karan, als würde sie an eine Tür klopfen.

Die andere rührte sich nicht.

»Karan!«, sagte die Laterne. »Lass ihn. Komm!«

Die Sandale wollte nicht. Sie stieß noch einmal gegen die andere. Da senkte sich die Laterne, schob sich unter sie und hob sie auf, wie man ein Kind hochhebt, das nicht mitkommen will, und schwebte mit ihr hinaus. Die Sandale strampelte in der Luft.

An der Tür drehte sich die Laterne noch einmal um. Das Auge im Papier war schmal.

»Sachi hätte dich gewarnt«, sagte sie. »Jetzt ist es zu spät.«

Dann war sie fort. Emi hörte das Kratzen von Eisen auf Stein, das Rascheln von Stroh, ein Scharren, als würde der Deckel zurückgeschoben, und dann das Knirschen des großen Steins.

Dann nur noch die Frösche unten in den Feldern.

Emi saß hinter dem Wandschirm und konnte sich nicht bewegen.

Mama murmelte etwas im Schlaf und drehte den Kopf zur anderen Seite. Nebenan atmete Papa, gleichmäßig, als wäre nichts gewesen.

Auf der Tatami, an der Schwelle, lag eine Holzsandale.

Emi kroch hin. Ihre Knie zitterten, und als sie die Hand ausstreckte, zitterte die auch. Die Sandale war aus hellem Holz, an der Ferse abgewetzt, mit zwei Querstegen unter der Sohle und einem verblassten, fast rosafarbenen Riemen. Sie war leicht und kühl. Sie war ein Schuh.

»Hallo?«, flüsterte Emi.

Der Schuh blieb ein Schuh.

Draußen knirschte Kies.

Emi fuhr herum. Jemand kam über den Hof gerannt, keuchend, in Gummisandalen, die bei jedem Schritt klatschten. Am Fuß der Verandastufen blieb er stehen. Ein Junge. Dünn, mit kurzen schwarzen Haaren und einem viel zu großen T-Shirt, auf dem ein verblasster Drache war. Emi hatte ihn am Nachmittag bei den Nachbarn gesehen, als die ersten Gäste kamen. Er hatte Klappstühle getragen und sie nicht angesehen.

Jetzt sah er sie an. Dann die Sandale in ihrer Hand.

»Was hast du gemacht?«, fragte er. Auf Englisch, mit einem Akzent, der jedes Wort ein bisschen härter machte.

»Nichts«, sagte Emi, auch auf Englisch. Es kam zu schnell heraus.

»Ich habe die Lichter gesehen. Von meinem Fenster. Sie sind den Berg runtergekommen, zu Sachis Haus.« Er stieg die Stufen hinauf und blieb an der Schwelle stehen, genau wie die anderen. »Und dann war da ein weißer Blitz. Was hast du gemacht?«

Emi hielt ihm das Handy hin. Sie wusste selbst nicht, warum. Vielleicht, weil es das Einzige war, was sie hatte.

Er nahm es nicht. Er sah auf den Bildschirm, auf dem noch das Foto offen war, und sein Gesicht wurde ganz still.

Das Foto zeigte die Veranda. Die Schwelle, den Rand der Tatami, die offene Tür, dahinter Dunkelheit. Und mitten im Bild, eine Handbreit über dem Boden, eine Holzsandale. In der Luft. Leicht schräg, als hätte sie jemand geworfen.

Sonst nichts. Kein Kessel, kein Besen, keine Laterne. Sie waren alle außerhalb des Bildes gewesen.

»Du hast es fotografiert«, sagte der Junge.

»Ich wollte nur …«

»Du hast es fotografiert, und jetzt ist es tot.«

»Es ist ein Schuh«, sagte Emi. Ihre Stimme klang dünn. »Ein Schuh kann nicht tot sein.«

Der Junge streckte beide Hände aus, die Handflächen nach oben. Emi gab ihm die Sandale. Er hielt sie, als wäre sie aus Glas, und strich mit dem Daumen über den rosafarbenen Riemen.

»Sie war lebendig«, sagte er. »Wenn Dinge sehr alt werden, hundert Jahre, dann bekommen sie eine Seele. Tsukumogami. Das weiß jeder.« Er schluckte. »Ich habe sie gesehen. Mit sechs. Die Lichter. Niemand hat mir geglaubt.«

Emi hätte gern gesagt, dass das Unsinn war. Dinge bekamen keine Seele, Dinge waren aus Holz und Eisen und Stroh, und Holz dachte nicht. Das hatte sie gelernt.

Aber sie hatte einen Teekessel rennen sehen.

»Ich glaube dir«, sagte sie.

Der Junge sah auf. Er sah aus, als hätte er diesen Satz noch nie gehört und wüsste nicht, ob er ihm trauen sollte.

Dann roch Emi es. Ein feiner, bitterer Geruch, anders als der süße Rauch. Sie drehte sich um.

Das Räucherstäbchen war nur noch ein winziger glühender Punkt, kurz über der Asche.

Emi stürzte zum Tisch. Sie griff nach der Schachtel und zog ein neues Stäbchen heraus, so ungeschickt, dass zwei auf den Boden fielen. Mama hatte ihr gezeigt, wie es ging: das neue an das alte halten, bis die Spitze aufglüht. Der glühende Punkt war so klein. Sie hielt die Spitze daran und wartete und betete zu niemandem, an den sie glaubte.

Die Spitze glühte auf. Ein dünner Rauchfaden stieg hoch.

Sie steckte es in die Asche. Drei Minuten zu früh.

Als sie sich umdrehte, stand der Junge noch an der Schwelle. Er hatte gesehen, wie sie gerannt war. Er machte keine Bemerkung dazu.

»Ich heiße Kai«, sagte er stattdessen. »Mein Opa ist der Priester vom Schrein da oben. Sachi hat mir jeden Freitag Kekse gegeben.«

»Emi.«

»Ich weiß.« Er sah auf die Sandale in seinen Händen. »Sie hat von dir erzählt.«

Emi wollte fragen, was Oma erzählt hatte. Sie fragte stattdessen: »Wohin sind sie gegangen?«

Kai zeigte mit dem Kinn in den Hof, auf den Brunnen. Der Deckel lag wieder ordentlich da. Der Stein obendrauf. Das Strohseil, die weißen Papierzacken.

»In den Brunnen«, sagte er. »Den fasst man nicht an. Das sagt mein Opa, seit ich denken kann.«

»Warum?«

»Weil man es nicht macht.«

Emis Blick fiel auf die Postkarte, die aus ihrem Heft gerutscht war und neben dem Kissen lag, mit der Zeichnung nach oben. Der Hof. Der Brunnen. Und auf dem Rand des Brunnens ein gelber Punkt.

Eine Laterne.

Kai hob die Karte auf, und Emi merkte, dass er dasselbe dachte wie sie.

»Gib sie mir«, sagte Emi und meinte die Sandale.

Kai zögerte. Dann gab er sie ihr. »Sie gehört nicht dir«, sagte er. »Sie gehört niemandem. Sie ist sie selbst.«

»Ich passe auf sie auf.«

»Das hättest du vorher machen sollen.«

Er ging die Stufen hinunter und über den Hof, ohne sich umzudrehen. Am Tor blieb er unter der Lampe stehen.

»Lösch das Foto nicht«, sagte er. »Es ist das Einzige, was beweist, dass es da war.«

Dann war er weg.

Emi saß bis zum Morgen neben dem Tisch und zündete alle vierunddreißig Minuten ein neues Stäbchen an. Sie verpasste keins.

Die Sandale lag auf ihrem Schoß. Ab und zu legte sie die Hand darauf und wartete, ob sich etwas bewegte. Es bewegte sich nichts.

Zwischendurch schaute sie auf das Foto. Sie vergrößerte es, bis es körnig wurde, und suchte nach einem Faden, nach einer Hand am Bildrand, nach irgendetwas. Sie fand nichts. Und gerade deshalb war das Foto nichts wert. Eine Sandale in der Luft bewies gar nichts. Jeder konnte eine Sandale werfen und auf den Auslöser drücken. Wenn Lina ihr so ein Foto gezeigt hätte, hätte Emi gelacht.

Sie hatte den Beweis, den sie gewollt hatte, und er bewies nichts. Und um ihn zu bekommen, hatte sie etwas getan, das sie nicht verstand.

Als es draußen grau wurde, schlug sie das Heft auf und schrieb auf die linke Seite:

2:08 Uhr. Brunnendeckel öffnet sich von innen. Laterne (schwebt), Teekessel (läuft), 2 Sandalen, Besen, Strohmantel. Verbeugen sich vor Oma. Eine Sandale klopft an den Wandschirm, vor mir. Foto mit Blitz. Die Sandale fällt und bewegt sich nicht mehr. Die Laterne spricht. Zeugen: ich. Kai.

Sie las es zweimal. Dann setzte sie Papas Frage darunter. Belegt?

Zwei Zeugen. Ein Foto. Eine Sandale, die nichts mehr tat.

Sie strich das Fragezeichen nicht durch. Darunter schrieb sie, ganz klein, die Frage, die sie seit dem Blitz nicht mehr losließ:

Was habe ich gemacht?

Ende der Leseprobe. Wie es weitergeht, liest du in „Der Berg über Tokio“.

Aus dem Buch

Illustrationen aus Band 1

Illustration aus „Der Berg über Tokio“
Illustration aus „Der Berg über Tokio“
Illustration aus „Der Berg über Tokio“
Cover von „Die Stadt, die jede Nacht verschwindet – Der Berg über Tokio“

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Erhältlich bei Amazon als Taschenbuch und als gebundene Ausgabe (Hardcover). Ein Fantasy-Buch für Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren.

Alle Buchdaten

Cover von „Die letzte Laterne“, Band 2

So geht es weiter

Band 2: Die letzte Laterne

Der Sommer in Kumoyama ist noch nicht vorbei. Yoimachi kommt jede Nacht zurück, aber jeder Ort der Stadt braucht eine neue Erinnerung, und bis zum neunundvierzigsten Morgen bleibt nicht viel Zeit.

Dann steht Papa im Morgennebel vor einem Turm aus alten Holzkisten, die Kamera in der Hand. Und Emi merkt, dass sie die geheimnisvolle Stadt nicht allein halten kann.

In Vorbereitung